Wenn Sie Ihre Fluktuation nach Wohnbereich aufschlüsseln, fällt in den meisten Häusern ein Bereich auf. Über Jahre gehen dort mehr Leute als anderswo, der Krankenstand liegt höher, und die Stellen bleiben länger offen. Die Bewohner sind dieselben, der Tarif ist derselbe, das Haus ist dasselbe. Unterschiedlich ist die Leitung.
Das ist kein Anlass, mit dem Finger auf eine Person zu zeigen. Es ist ein Anlass, sich anzusehen, wie diese Person in ihre Rolle gekommen ist und was sie dort an Unterstützung bekommen hat. In den meisten Fällen lautet die Antwort: durch Beförderung wegen fachlicher Stärke, und danach so gut wie nichts.
Der Konstruktionsfehler
Für die verantwortliche Pflegefachkraft, also die Pflegedienstleitung, macht der Gesetzgeber klare Vorgaben. Nach § 71 Absatz 3 SGB XI braucht es eine abgeschlossene Ausbildung in einem Pflegeberuf, mindestens zwei Jahre hauptberufliche Tätigkeit innerhalb einer Rahmenfrist von acht Jahren und eine Weiterbildungsmaßnahme für leitende Funktionen, die 460 Stunden nicht unterschreiten soll. Inhaltlich umfasst diese Weiterbildung unter anderem Managementkompetenz, Personalführung, Betriebsorganisation und Rechtsgrundlagen.
Für die Wohnbereichsleitung gibt es keine vergleichbare bundeseinheitliche Vorgabe. Anforderungen können sich aus dem Heimrecht der Länder ergeben, das unterschiedlich ausfällt. In der Praxis wird die Rolle vielerorts intern besetzt, ohne dass eine Führungsqualifikation vorausgesetzt oder anschließend nachgeholt wird.
Die Führungsebene mit dem größten Einfluss auf Bindung und Fluktuation ist die am wenigsten geregelte.
Dazu kommt das Auswahlkriterium. Befördert wird, wer pflegerisch am besten ist, wer am längsten da ist oder wer sich nicht wehrt, wenn gefragt wird. Keines dieser drei Kriterien sagt etwas darüber aus, ob jemand ein Team führen kann oder will.
Was eine Wohnbereichsleitung tatsächlich zu tun hat
Die Aufgabenliste ist in fast jedem Haus dieselbe, und sie ist länger, als die Stellenbeschreibung vermuten lässt.
- Dienstplanung für den Bereich, einschließlich Ausfallmanagement und der Telefonate ins Frei
- Fachliche Verantwortung für die Pflegequalität, Pflegeprozess und Dokumentation
- Einarbeitung neuer Mitarbeitender und Anleitung von Auszubildenden
- Mitarbeitergespräche, Konfliktklärung im Team, Rückkehrgespräche nach Krankheit
- Angehörigenarbeit, häufig die emotional aufwendigste Aufgabe des Tages
- Schnittstelle zu Ärzten, Apotheke, Therapie, Hauswirtschaft und Verwaltung
- Und in vielen Häusern zusätzlich: die eigene Arbeit in der Pflege am Bewohner
Der letzte Punkt entscheidet über alles andere. Wenn im Stellenplan keine Stunden für Leitung hinterlegt sind, wird Führung zur Restgröße nach dem Dienst. Sie findet dann statt, wenn nichts anderes ansteht, und das ist in der Pflege selten.
Woran man erkennt, dass eine Leitung überfordert ist
Nicht an der Person, sondern an ihrem Bereich.
Der Dienstplan wird zur Verhandlungsmasse
Wer nicht führen kann oder darf, führt über den Dienstplan. Wünsche werden nach Sympathie erfüllt, unbeliebte Dienste landen bei denen, die nichts sagen.
Wie verteilen sich Wochenenddienste, Nachtdienste und abgelehnte Wünsche über die Mitarbeitenden des Bereichs?
Konflikte werden ausgesessen
Zwei Mitarbeitende, die seit Monaten nicht miteinander sprechen, ein Team, das sich in Lager teilt, eine Person, deren Verhalten alle stört und niemand anspricht.
Wann hat die Leitung zuletzt ein Konfliktgespräch geführt, und wurde das Ergebnis schriftlich festgehalten?
Die Leitung springt selbst dauernd ein
Sie übernimmt die Dienste, die niemand nimmt. Das wirkt vorbildlich und ist der schnellste Weg, dass sie ihre Leitungsaufgaben gar nicht mehr erledigt und selbst ausfällt.
Wie viele Stunden hat die Leitung im letzten Quartal in der Pflege gearbeitet, verglichen mit der vorgesehenen Leitungszeit?
Es gibt keine Mitarbeitergespräche
Nicht aus Unwillen, sondern weil im Plan kein Zeitfenster dafür existiert. Damit fehlt der einzige Ort, an dem Unzufriedenheit auftaucht, bevor sie zur Kündigung wird.
Wie viele der Mitarbeitenden des Bereichs hatten im letzten Jahr ein geplantes Gespräch mit ihrer Leitung?
Was Häuser dagegen tun können
- Die Rolle vor der Beförderung erproben. Stellvertretung, Projektleitung, Verantwortung für die Einarbeitung eines neuen Kollegen. So sehen beide Seiten, ob die Aufgabe passt, bevor eine Entscheidung schwer zurückzunehmen ist.
- Nach anderen Kriterien auswählen. Fachliche Stärke ist eine Voraussetzung, kein Auswahlkriterium. Entscheidend ist, ob jemand unangenehme Gespräche führen kann, Entscheidungen aushält und bereit ist, aus der Rolle der Kollegin herauszutreten.
- Leitungszeit im Stellenplan hinterlegen. Eine feste, benannte Stundenzahl pro Woche, die nicht als Erste gestrichen wird, wenn jemand ausfällt. Ohne diesen Punkt bleiben alle anderen wirkungslos.
- Qualifizieren, und zwar früh. Nicht im dritten Jahr, sondern im ersten halben. Wer die Rolle übernimmt, sollte spätestens dann eine Weiterbildung für leitende Funktionen beginnen, mindestens aber eine strukturierte Einführung in Gesprächsführung und Dienstplanrecht bekommen.
- Die Leitungen nicht allein lassen. Eine feste Leitungsrunde mit der Pflegedienstleitung, in der Fälle besprochen werden. Für die meisten Wohnbereichsleitungen ist das der einzige Ort, an dem sie über Führung sprechen können, ohne Schwäche zu zeigen.
- Den Rückweg offen halten. Dazu gleich mehr, denn dieser Punkt fehlt fast überall.
Der Rückweg, den kaum ein Haus hat
Wenn sich herausstellt, dass jemand die Leitungsrolle nicht ausfüllt, gibt es in den meisten Einrichtungen genau zwei Wege: Die Person bleibt und der Bereich leidet weiter, oder die Person kündigt. Beides ist teuer, und im zweiten Fall verliert das Haus eine gute Pflegefachkraft, weil es sie zu einer schlechten Leitung gemacht hat.
Der fehlende dritte Weg ist eine Fachlaufbahn: eine Entwicklungsrichtung mit Verantwortung, Anerkennung und Zulage, die nicht über Personalführung läuft.
| Kriterium | Führungslaufbahn | Fachlaufbahn |
|---|---|---|
| Typische Rollen | Wohnbereichsleitung, stellvertretende und verantwortliche Pflegefachkraft | Praxisanleitung, Wundexpertise, Palliative Care, Hygiene, Qualitätsmanagement, Beratung |
| Verantwortung | Verantwortung für Menschen und Dienstplan | Verantwortung für ein fachliches Thema im ganzen Haus |
| Ressourcen | Braucht Führungskompetenz und Leitungszeit | Braucht Fachqualifikation und ebenfalls hinterlegte Zeit |
Wo beide Wege existieren und beide etwas gelten, ist ein Wechsel zurück aus der Leitung keine Degradierung, sondern eine Korrektur. Das setzt allerdings voraus, dass die Fachlaufbahn im Haus tatsächlich als gleichwertig behandelt wird, mit eigener Zulage und eigener Sichtbarkeit. Sonst bleibt sie das, was sie in vielen Häusern ist: ein Trostpreis.
Zur Fairness gehört auch das: Eine Wohnbereichsleitung, die scheitert, scheitert selten aus Unfähigkeit. Sie scheitert an einer Rolle, die niemand definiert hat, für die keine Zeit vorgesehen ist und auf die sie nicht vorbereitet wurde. Wer das umdreht und die Verantwortung bei der Person sucht, verliert sie und ersetzt sie durch die nächste, der es genauso ergehen wird.
Vier Fragen für den Anfang
- Wie verteilt sich Ihre Fluktuation der letzten drei Jahre über die Wohnbereiche und über die Leitungskräfte?
- Wie viele Stunden Leitungszeit sind pro Wohnbereichsleitung im Plan hinterlegt, und wie viele davon werden tatsächlich dafür genutzt?
- Welche Ihrer Wohnbereichsleitungen haben eine Weiterbildung für leitende Funktionen, und wer wartet seit wann darauf?
- Gibt es in Ihrem Haus einen Weg aus der Leitung zurück in die Fachlichkeit, der nicht wie ein Abstieg aussieht?
Häufige Fragen
Welche Qualifikation braucht eine Wohnbereichsleitung?
Bundeseinheitlich ist die Wohnbereichsleitung nicht geregelt. Vorgaben können sich aus dem Heimrecht des jeweiligen Bundeslandes ergeben und fallen unterschiedlich aus. Klar geregelt ist dagegen die verantwortliche Pflegefachkraft nach § 71 Absatz 3 SGB XI: Ausbildung in einem Pflegeberuf, mindestens zwei Jahre hauptberufliche Tätigkeit innerhalb einer Rahmenfrist von acht Jahren und eine Weiterbildung für leitende Funktionen von mindestens 460 Stunden.
Wie viel Leitungszeit braucht eine Wohnbereichsleitung?
Eine allgemeingültige Kennzahl dafür gibt es nicht, sie hängt an Bereichsgröße, Anzahl der Mitarbeitenden, Bewohnerstruktur und daran, welche Aufgaben tatsächlich bei der Leitung liegen. Entscheidend ist weniger die genaue Stundenzahl als die Frage, ob die Zeit im Stellenplan hinterlegt ist und ob sie bei Personalausfall als Erstes gestrichen wird.
Sollte man die fachlich beste Pflegekraft zur Leitung machen?
Fachliche Kompetenz ist eine Voraussetzung, aber kein Auswahlkriterium für Führung. Die Rolle verlangt Gesprächsführung, Konfliktfähigkeit, Entscheidungsbereitschaft und die Bereitschaft, aus der Rolle der Kollegin herauszutreten. Sinnvoller ist es, die Aufgabe vorher in einer begrenzten Verantwortung zu erproben.
Wie kann jemand die Leitungsrolle wieder abgeben, ohne dass es wie ein Abstieg wirkt?
Indem es neben der Führungslaufbahn eine gleichwertige Fachlaufbahn gibt, etwa Praxisanleitung, Wundexpertise, Palliative Care oder Qualitätsmanagement, jeweils mit eigener Verantwortung, hinterlegter Zeit und Zulage. Existiert diese Alternative nicht, bleiben nur Verharren oder Kündigung.
Quellen
- § 71 Sozialgesetzbuch XI, Anforderungen an die verantwortliche Pflegefachperson. Gesetzestext
- Bundesinstitut für Berufsbildung, Übersicht zu Inhalten der Weiterbildungsmaßnahme für leitende Funktionen nach § 71 SGB XI. Materialsammlung
- Landesrechtliche Regelungen zum Heimrecht, etwa die Ausführungsverordnung zum Pflege- und Wohnqualitätsgesetz in Bayern, die Anforderungen an Leitungsfunktionen konkretisieren.
Führung braucht Zeit im Dienstplan
Leitungszeit, Ausfallregeln und Entwicklungswege hängen zusammen und lassen sich nur gemeinsam aufstellen. Genau daran arbeiten wir mit Einrichtungen.
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